Robotik in der Pflege – Können Pflegeroboter den Pflegenotstand überbrücken?
In einem Altenheim in Garmisch-Partenkirchen sind Assistenten im Einsatz, die sowohl Pflegebedürftigen als auch Pflegekräften ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Nicht ganz unbeabsichtigt läuft das Projekt unter dem Akronym SMiLE, englisch für „Lächeln“. Die Abkürzung SMiLE steht dabei für „Servicerobotik für Menschen in Lebenssitutationen mit Einschränkungen“. Seit 2018 erprobt das Institut für Robotik und Mechanik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) den Einsatz von Robotern in der Pflege. Am Beginn dieser Entwicklung standen neue Roboter, die dank ausgefeilter Sensorik mit ihrer Umgebung in Kontakt und Interaktion treten können – also nicht gefährlich für Menschen in ihrer Umgebung sind.
Die Zukunft der Pflege-Robotik beginnt in Garmisch-Partenkirchen
Seit 2018 ist EDAN im Einsatz, ein Roboterarm, der sich mit Muskel an- und entspannung kontrollieren lässt und z. B. ein Glas anreichen kann. Ergänzt wurde er durch Rollin‘ Justin, einem entfernt menschenähnlichen Roboter auf Rädern. „Die Vision von SMiLE ist es, Menschen trotz alters- oder krankheitsbedingter Bewegungseinschränkungen zu einem erfüllteren und selbständigeren Leben zu verhelfen“, sagt Institutsleiter Alin Albu-Schäffer. „Bei den SMiLE-Robotern kommen digitale Spitzentechnologien zum Einsatz, die seit Jahren in der Weltraumforschung entwickelt und mit Astronauten erprobt wurden. Jetzt kommen sie der Pflege zu Gute.“1EDAN und Rollin‘ Justin sehen höchst technisch aus, werden aber von den Pflegekräften als hilfreiche Assistenten wahrgenommen, wenn es um alltägliche Handlungen wie etwa das Aufdecken des Bettes geht; sie ermöglichen Pflegebedürftigen im Einzelfall auch die selbstständige Fahrstuhlnutzung, weil sie Knöpfe drücken können.
EDAN und Rollin‘ Justin im Profil
EDAN ist ein Assistenzrobotiksystem, speziell geeignet für Menschen mit starken motorischen Einschränkungen. Er besteht aus einem Rollstuhl mit integrierten Leichtbauroboterarm und einer Fünf-Finger-Hand. Den Roboter steuert man nicht über einen sonst üblichen Joystick, sondern durch Muskelsignale die auf der Hautoberfläche gemessen werden und anschließend Bewegungskommandos für den Roboter erzeugen. Die Nutzung des Roboters ist für Menschen verschiedenster Einschränkungen möglich. Selbst bei weit fortgeschrittener Muskelatrophie, sind noch einzelne Muskelsignale messbar.
Rollin‘ Justin hingegen ist ein humanoider Serviceroboter, mit zwei Vierfingerhänden auf einer mobilen Basis, der einen eigenständigen Betrieb gewährleistet. Er ist mit verschiedenen Sensoren und Kameras ausgestattet, die es ihm ermöglichen seine Umgebung in 3D zu rekonstruieren. Rollin‘ Justin kann ohne menschliche Unterstützung handeln, muss aber gleichzeitig in der Lage sein, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Er kann außerdem auch aus der Ferne gelenkt werden, was es Angehörigen möglich macht den Roboter zu steuern, wenn sie nicht physisch anwesend sein können.
Damit Justin Menschen nicht verletzt, stehen Sicherheitsaspekte an oberster Stelle seiner programmierten Aufgabenhierarchie. Diese sorgen dafür, dass der Roboter eine Aufgabe abbricht,
wenn er dadurch einen Menschen beeinträchtigen oder gar verletzen könnte. Er gibt bei Berührungen von Menschen nach und weicht zurück.
Erfolgreiches Duo: Paro und Pepper
Bei der Pflege von Menschen mit Demenz wird häufig „Paro“ eingesetzt, ein robbenähnliches Kuscheltier mit großen schwarzen Knopfaugen. Dank fortschrittlicher Technik reagiert Paro auf Berührungen, dreht den Kopf, brummt oder fiept. Pflegewissenschaftler und Ethiker sind sich uneins, wenn es um Paro geht. Wird da etwa fehlende Zuwendung durch kalte Computertechnik im weißen Plüschkleid ersetzt?
Positiver kommt der kleine Pepper an: Der 1,20 große Roboter mit niedlichem Kindchen-Schema-Kopf kann sprechen, freundlich zwinkern, zu Bewegungsübungen motivieren oder auch ans Trinken erinnern. Pepper ist ein sog. humanoider Pflegeroboter, der weniger pflegt als vielmehr kleine Impulse im Alltag setzt.
Pflegefachkräfte sollen nicht ersetzt, sondern unterstützt werden
Deutschland ist neben Japan führend bei der Entwicklung technischer Pflege- und Assistenzsysteme. Das DLR hat zehn Jahre daran gearbeitet, feinfühlige Roboter zu entwickeln, die auf Berührungen reagieren und zurückweichen. Laut Alin Albu-Schäffer, der Direktor des DLR-Instituts für Robotik und Mechatronik, ist das wichtigste Ziel, die Erwartungen der Patienten und des Pflegepersonals zu verstehen und zu treffen. Natürlich kann kein Roboter die menschliche Zuwendung oder gar das Pflegefachpersonal ersetzen, allerdings können robotische Systeme die Pfleger immens unterstützen und können ebenfalls neue Berufe wie beispielsweise den Pflegetechniker etablieren.
Pflegeroboter könnten die Fachkräfte extrem entlasten, indem sie helfen die Patienten zu mobilisieren, ohne dass die Pfleger ihre Kräfte erschöpfen müssen. Roboter können das Trink- und Essverhalten der Patienten beobachten und gegebenenfalls Getränke servieren bzw. eine Person alarmieren. Des Weiteren können sie auch als unangenehm empfundene Aufgaben übernehmen, wie beispielsweise das Windelwechseln oder Teile der Intimpflege.
Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege ergab, dass die Mehrheit der Bürger (64 Prozent) Technologien in der Pflege und der Medizin als Chance sehen. 74 Prozent der Befragten glauben, dass technische Systeme ein selbstbestimmteres Leben auf längere Zeit ermöglichen, während 65 Prozent den Einsatz von Robotern befürworten, wenn sie Menschen nach einem Sturz helfen. Auch beim Zubettgehen oder Aufstehen können die Roboter helfen, was laut 60 Prozent der Befragten befürwortet wird.
Vor- und Nachteile von Pflegerobotern müssen abgewogen werden
Es gibt natürlich auch Probleme beim Einsatz von Robotern in der Pflege und der Medizin – beispielsweise datenschutzrechtlich und technisch gesehen. Die Programmierung der Roboter, auf Berührung feinfühlig zu reagieren und Menschen nicht zu gefährden, ist zeit-, arbeits- und kostenintensiv. Die „günstige Variante“ von Rollin‘ Justin kostet zum Beispiel um die 60.000 Euro.
Ebenfalls viele Menschen wählen den Pflegeberuf, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die sonst oft wenig menschlichen Kontakt haben. Die kommunikativen Tätigkeiten und die Aktivierung der Patienten ist sicherlich für die meisten Pflegekräfte der schönste Aspekt ihrer Arbeit.
Pflegeroboter sollten insofern hauptsächlich als Hilfsmittel eingesetzt werden, beispielsweise beim Heben und Positionieren der Patienten. Man sollte den Pflegeberuf schließlich attraktiver machen und nicht abschaffen, um Pflegefachkräfte mit Robotern zu ersetzen.
Wenn die Pflegeroboter allerdings tatsächlich zu großen Entlastungen der Pflegefachkräfte beitragen, den Pflegenotstand entschärfen und den Patienten einen Mehrwert bieten, lohnt sich die Investition immens. Denn in Zukunft wird es nur noch mehr Pflegebedürftige geben, die ein möglich selbstständiges und bequemes Leben führen wollen.



