Pflege zu Hause – die große Last der Angehörigen

In einem Haushalt mit einer pflegebedürftigen Person fallen pro Woche im Schnitt 63 Stunden Arbeit an. Die Pflege zu Hause eines Verwandten ist damit deutlich zeitintensiver als ein Vollzeitjob und darüber hinaus meist mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden. Zu diesen und weiteren Ergebnissen kommt eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie mit dem Titel „Pflege in den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten“.

Im Rahmen der umfangreichen Studie wurde von November 2015 bis Juni 2016 eine empirische Erhebung zu den zeitlichen und finanziellen Aufwendungen privater Haushalte für die Pflege durchgeführt. Die Befragung von insgesamt 1.024 Pflegehaushalten zeigte Defizite in der politisch angestrebten Verzahnung zwischen Pflege, Arbeitsmarkt und finanzieller Förderung auf.
Eine der wesentlichen Erkenntnisse der Studie ist, dass rund 90 Prozent des Zeitaufwands für die häusliche Pflege von einer Hauptpflegeperson oder weiteren informellen Helfern wie zum Beispiel Angehörigen übernommen werden. Nur etwa 10 Prozent der Leistungen werden von professionellen Einrichtungen wie ambulanten Pflegediensten erbracht.
Pflegekräfte, die im Rahmen einer 24-Stunden-Pflege in die Familie und den Haushalt integriert werden, sind vor allem bei Pflegebedürftigen mit einem sehr hohen Betreuungs- und Pflegeaufwand tätig. Meist handelt es sich dabei um qualifizierte Pflegekräfte aus Osteuropa, die den Pflegebedürftigen durch die 24-Stunden-Pflege ein Leben in ihrer vertrauten Umgebung ermöglichen. Die Studie zeigt auf, dass häuslich integrierte Pflegekräfte mehr und mehr einen wichtigen Baustein der Pflege darstellen und mit Blick auf die steigende Zahl Pflegebedürftiger im Laufe der kommenden Jahre voraussichtlich an Bedeutung gewinnen werden.
Die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie kommt zu dem Schluss, dass die Pflege von Angehörigen für die Pflegeperson mit einer erheblichen Last verbunden ist. Vor allem bei der Integration der Hauptpflegeperson in den Arbeitsmarkt besteht Nachholbedarf. Während 44 Prozent der Pflegenden überhaupt nicht erwerbstätig sind und sich rund um die Uhr um die Pflege kümmern, hat rund ein Drittel die Arbeitszeit zumindest reduziert. Die Möglichkeit einer Pflegezeit, bei der der Arbeitnehmer bis zu sechs Monate von der Arbeit freigestellt wird, nehmen nur 6 Prozent der Angehörigen in Anspruch.

Finanzielle Aufwendungen für Angehörige

Die Pflege körperlich oder geistig eingeschränkter Personen ist nicht nur mit einem erheblichen Zeitaufwand, sondern auch mit finanziellen Belastungen verbunden. Um den finanziellen Aufwand in Abhängigkeit von der Pflegestufe zu quantifizieren, wurden die betroffenen Hauptpflegepersonen sowie weitere Angehörige und Freunde sowie Bekannte nach einer Einschätzung der anfallenden Kosten befragt. Dabei geht es ausschließlich um Kosten, die vom Haushaltseinkommen finanziert und nicht von der Pflegeversicherung als

Pflegesachleistung übernommen wurden. Den Großteil der Kosten machen beispielsweise Aufwandsentschädigungen, Fahrtkosten von Helfern, Tagespflegekosten, Hilfsmittel, Medikamente, der Menüdienst oder Zuzahlungen aus.

Die folgende Tabelle zeigt die monatlichen Kosten für die informellen Akteure auf. Dabei ist zu beachten, dass die Pflegestufen durch die Pflegereform seit 2017 in Pflegegrade umgewandelt wurden.

 HauptpflegepersonWeitere AngehörigeFreunde, Bekannte
Mittelwert in EuroMittelwert in EuroMittelwert in Euro
keine Pflegestufe784939
„Pflegestufe Null“1864522
Pflegestufe I2053844
Pflegestufe II1845878
Pflegestufe III4199379

Tabelle 1 Durchschnittliche Kosten in Abhängigkeit von der Pflegestufe

Die Tabelle zeigt auf, dass vor allem die Pflegestufe III mit einer erheblichen finanziellen Belastung der Hauptpflegeperson verbunden ist. Die finanziellen Aufwendungen für die „Pflegestufe Null“, Pflegestufe I und Pflegestufe II bewegen sich in etwa auf einem konstanten Niveau.

Zeitliche Aufwendungen für Angehörige

Im Rahmen der Studie wurden die zeitlichen Aufwendungen informeller und formeller Pflegekräfte detailliert erfasst und auf die beteiligten Personengruppen verteilt. Das Ergebnis zeigt deutlich, dass die Hauptpflegeperson mit einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von rund 49 Stunden den Großteil der anfallenden Arbeiten übernimmt. Die folgende Tabelle zeigt, wie groß der Anteil der weiteren Pflegenden ist:

PersonengruppeZeitaufwand (Stunden pro Woche)
Hauptpflegeperson49,3
Weitere Angehörige5,3
Freunde/Bekannte2,1
Pflegedienst2,1
Im Haushalt lebende Pflegekraft2,8
Betreuungskraft0,3
Ehrenamt0,1
Putzkraft0,8
Gesamt62,8

Tabelle 2 Durchschnittlicher wöchentlicher Zeitaufwand der Pflegenden

Mit einem Gesamtzeitaufwand von fast 63 Stunden erfordert die Pflege einer pflegebedürftigen Person damit einen höheren zeitlichen Aufwand als eine übliche Vollzeitbeschäftigung.

Wege zur Entlastung von Angehörigen

Die Studie zur Altenpflege zeigt, dass es derzeit noch eine deutliche Diskrepanz zwischen der politisch angestrebten Möglichkeit der Pflege in den eigenen vier Wänden und der Vereinbarkeit der Berufstätigkeit der Angehörigen mit diesem Ziel gibt. Der Spagat zwischen einer professionellen Pflege, einer hohen Erwerbstätigkeit und guten Arbeitsbedingungen für die Pflegenden stellt eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre dar.

Insbesondere die Pflege von Menschen mit sehr stark eingeschränkter Mobilität oder mit schwerwiegenden Demenzerkrankungen erfordert einen erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand durch die Angehörigen. In Bezug auf diese Fälle wird häuslich integrierten 24-Stunden-Pflegekräften im Laufe der nächsten Jahre eine bedeutende Rolle zukommen, so die Studie. Aktuell spielt diese Form der Pflege, bei der meist aus Osteuropa stammende, qualifizierte Pflegekräfte den Pflegebedürftigen vor Ort rund um die Uhr betreuen, nur bei knapp 10 Prozent der Betroffenen eine Rolle.

Für viele Angehörige und Pflegebedürftige ist die sogenannte „24-Stunden-Pflege“ oder auch „Betreuung und Pflege in häuslicher Gemeinschaft“ genannt“ – der einzige Weg, den Umzug in ein Heim zu vermeiden und gleichzeitig eine professionelle Pflege in der vertrauten Umgebung zu ermöglichen.

Dass die Vollzeitpflege derzeit überwiegend von Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen in Anspruch genommen wird, liegt laut der Studie auch daran, dass Angebote zur Pflegeberatung von bildungsfernen Schichten häufig nicht wahrgenommen werden. Diese Personenkreise sind mit den bürokratischen Anforderungen der Pflegeorganisation oft überfordert und schöpfen die Angebote daher nicht in vollem Umfang aus.

Die große Last der Angehörigen kann durch Modelle wie die 24-Stunden-Pflege erheblich reduziert werden. Die Studie zur Pflege in den eigenen vier Wänden zeigt aber, dass die förderpolitischen und bürokratischen Rahmenbedingungen zur flächendeckenden Sicherstellung einer professionellen Pflege erst noch geschaffen werden müssen.