Pflege-TÜV für Pflegeheime

Bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim sehen sich Angehörige und Pflegebedürftige häufig mit Problemen bei der Interpretation von Bewertungsergebnissen konfrontiert. Der sogenannte Pflege-TÜV als gängiges Bewertungskriterium für die Qualität von Pflegeheimen und Pflegediensten steht seit Jahren in der Kritik. Experten bemängeln vor allem das durchweg gute Abschneiden fast aller Pflegeheime, das aus der Bildung des Durchschnitts aller Bewertungskriterien resultiert. Die Ergebnisse gelten als wenig aussagekräftig, da Pflegeheime trotz eklatanter Schwächen in wichtigen Bereichen sehr gute Gesamtergebnisse erzielen können.

Der Gesetzgeber hat die Pflegebranche bereits vor geraumer Zeit aufgefordert, die Bewertungskriterien des Pflege-TÜV umfassend zu überarbeiten. Die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung baut Druck auf die Pflegeverbände auf, um die Einführung der neuen Kriterien so schnell wie möglich umsetzen zu können. Aktuelle Entwicklungen legen jedoch den Verdacht nahe, dass der neue Pflege-TÜV erst im Jahr 2020 statt 2018 eingeführt werden könnte. Die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Ende 2016 hatten rund 775.000 Menschen einen Platz in einem Pflegeheim.

Angehörige können sich in der Zwischenzeit behelfen, indem sie unabhängige Vergleichsportale im Internet zurate ziehen. Die „Weisse Liste“ als gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen wertet die Resultate des Pflege-TÜV beispielsweise nach individuellen Kriterien aus. Auf diese Weise werden die für Angehörige und Pflegebedürftige relevanten Unterschiede hervorgehoben.

Kritik am derzeitigen Pflege-TÜV

Die anhaltende Kritik am Pflege-TÜV ist vor allem in dem durchweg guten bis sehr guten Abschneiden aller Pflegeheime und Pflegedienste begründet. So teilt die Weisse Liste mit, dass der bundesweite Durchschnitt aller 1.057 bewerteten Einrichtungen bei 1,3 liegt und sogar 26 Prozent der Heime und 40 Prozent der Dienste die Bestnote 1,0 erreichen konnten. Mängel in ausschlaggebenden Bereichen werden häufig durch andere, weniger relevante Bewertungskriterien ausgeglichen und somit kaschiert. Ein detaillierter und fundierter Einblick in die Prüfergebnisse ist derzeit nicht möglich. Eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung hat passend dazu ergeben, dass jeder zweite Deutsche fürchtet, später nicht das richtige Pflegeheim zu finden.
Aktuell wird der Pflege-TÜV gemäß Sozialgesetzbuch (SGB XI §§ 114 ff) vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) durchgeführt. Dabei werden Pflegeheime und Pflegedienste nach insgesamt 82 Kriterien bewertet, die anschließend zur Bildung einer Gesamtnote herangezogen werden. Die Kriterien werden wie folgt in fünf verschiedene Bereiche eingeteilt:
1. Pflege und medizinische Versorgung 35 Kriterien
2. Umgang mit demenzkranken Bewohnern 10 Kriterien
3. Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung 10 Kriterien
4. Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft, Hygiene 9 Kriterien
5. Befragung der Bewohner 18 Kriterien
Die Kriterien der ersten vier Bereiche werden jeweils auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet, um für jeden Bereich eine Durchschnittsnote bilden zu können. Aus den vier Durchschnittsnoten wird anschließend das Qualitätsurteil für das Pflegeheim abgeleitet. Durch das wiederholte Bilden einer Durchschnittsnote werden individuelle Ausprägungen der einzelnen Kriterien jedoch zwangsläufig geglättet. Eklatante Schwächen können dadurch untergehen und sind für Pflegebedürftige und Angehörige nicht zu erkennen.
Die einzelnen Kriterien werden vom MDK bewertet, indem jeweils Detailfragen zu bestimmten Kompetenzen des Pflegeheims gestellt werden. Einige Fragen lauten beispielsweise:
• Wird die Pflege im Regelfall von denselben Pflegekräften durchgeführt?
• Gibt es Maßnahmen zur Kontaktpflege zu den Angehörigen?
• Kann der Zeitpunkt des Essens im Rahmen bestimmter Zeitkorridore frei gewählt werden?
• Entspricht die Medikamentenversorgung den ärztlichen Anforderungen?
Der MDK ermittelt die Bewertungen im Rahmen unangemeldeter (Pflegeheime) beziehungsweise kurzfristig vorher angemeldeter (Pflegedienste) Besuche. Dabei wird jedoch im Wesentlichen nur die Dokumentation der erbrachten Leistungen geprüft und nicht die Leistung selbst.

So können Angehörige Pflegeheime und Pflegedienste beurteilen

Angehörige und Pflegebedürftige fühlen sich aufgrund des wenig aussagekräftigen Pflege-TÜV bei der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst oder einem Pflegeheim häufig alleingelassen. Mithilfe unabhängiger Verbraucherportale können die eklatanten Systemfehler zumindest teilweise korrigiert werden.
So gelingt es Portalen wie der Weissen Liste, durch eine individuelle Auswertung der einzelnen Kriterien mehr Transparenz zu schaffen und die Stärken und Schwächen von Pflegeeinrichtungen aufzuzeigen. Im Rahmen einer neuen Auswertungsmethode werden die Ergebnisse des Pflege-TÜV so aufbereitet, dass für jede Einrichtung beispielsweise die Pflegequalität in Form eines Prozentwertes angezeigt wird. Der Nutzer sieht auf den ersten Blick, wie viele der überprüften Kriterien vom Pflegeheim voll erfüllt wurden. Darüber hinaus bildet die Weisse Liste auch einen Bundesdurchschnitt, der über die Qualität der Einrichtung im Vergleich zur Konkurrenz informiert.
Die alternative Auswertung ist jedoch nicht in der Lage, die wirkliche Pflegequalität der Dienste und Heime zu beurteilen. Da der MDK im Wesentlichen die Dokumentenqualität prüft, können auch nur diese Angaben ausgewertet und dem Nutzer zugänglich gemacht werden.

Ein Blick in die Zukunft

Mit der Verabschiedung des Pflegestärkungsgesetzes II wurden im Januar 2016 auch neue Ziele in Bezug auf den Pflege-TÜV definiert. Ein Qualitätsausschuss, bestehend aus jeweils zehn Vertretern der Pflegeanbieter und der zahlenden Kassen, ist seitdem mit der grundlegenden Überarbeitung der Bewertungssystematik beschäftigt.
Die vereinbarten Fristen konnten jedoch größtenteils nicht gehalten werden, wodurch die geplante Einführung der neuen Bewertungskriterien im Jahr 2018 voraussichtlich nicht realisiert werden kann. Weder die Instrumente für die Prüfung der Leistungen stationärer Einrichtungen noch die entsprechende Bewertungssystematik wurden bisher definiert. Der Qualitätsausschuss geht daher aktuell davon aus, dass der neue Pflege-TÜV nicht vor 2020 in Kraft treten wird.
Bis Angehörige und Pflegebedürftige bei der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst oder Pflegeheim angemessene Unterstützung erfahren, wird also noch Zeit vergehen. Der Bundesverband der Pflegeberufe hat derweil eine Broschüre erstellt, in der die Bewertungssystematik erläutert wird. Hier können Betroffene wenigstens erfahren, wie die Noten für Pflegeheime und Pflegedienste zustande kommen.

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