Pflegeroboter können helferische Tätigkeiten übernehmen und somit Pflegefachkräfte entlasten.

Robotik in der Pflege – Können Pflegeroboter den Pflegenotstand überbrücken?

Künstliche Intelligenzen und Robotik stehen immer stärker im Fokus von Wissenschaftlern verschiedenster Branchen. Die entwickelten technologischen Neuerungen können nämlich in vielen verschiedenen Bereichen eingesetzt werden, so auch im Bereich der Pflege. Durch den Pflegenotstand ist der Pflegeberuf in seiner Attraktivität stark gesunken, da es viel zu wenige Pfleger für die Anzahl der Pflegenden gibt und sich die Arbeitsbedingungen allgemein verschlechtert haben. Pflegeroboter könnten hier Abhilfe verschaffen.

Pilotversuch in bayerischem Altenheim mit zwei Pflegerobotern

Noch in diesem Jahr soll in einem Pflegeheim in Bayern ein Pilotversuch mit zwei Pflegerobotern gestartet werden. In Zusammenarbeit des Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) und der Caritas, werden zwei Pflegeroboter getestet die den Pflegealltag revolutionieren sollen. Rollin‘ Justin und EDAN wurden beide für die Raumfahrt entwickelt, können aber dank ihrer feinfühligen Sensoren sehr gut für die Pflege eingesetzt werden. Sie sollen Menschen mit Bewegungseinschränkungen, beispielsweise nach einem Schlaganfall oder durch Erkrankungen, sowie Senioren helfen ein selbstständigeres Leben führen zu können.

Die Akzeptanz der Bewohner und Pfleger des Caritas-Altenheim St. Vinzenz in Garmisch-Partenkirchen gegenüber der Roboter soll nun getestet werden. Das Projekt heißt „Smile“ (steht für Servicerobotik für Menschen in Lebenssituationen mit Einschränkungen) und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie gefördert.

Die beiden Pflegeroboter EDAN und Justin im Profil

EDAN ist ein Assistenzrobotiksystem, speziell geeignet für Menschen mit starken motorischen Einschränkungen. Er besteht aus einem Rollstuhl mit integrierten Leichtbauroboterarm und einer Fünf-Finger-Hand. Den Roboter steuert man nicht über einen sonst üblichen Joystick, sondern durch Muskelsignale die auf der Hautoberfläche gemessen werden und anschließend Bewegungskommandos für den Roboter erzeugen. Die Nutzung des Roboters ist für Menschen verschiedenster Einschränkungen möglich. Selbst bei weit fortgeschrittener Muskelatrophie, sind noch einzelne Muskelsignale messbar.

Rollin‘ Justin hingegen ist ein humanoider Serviceroboter, mit zwei Vierfingerhänden auf einer mobilen Basis, der einen eigenständigen Betrieb gewährleistet. Er ist mit verschiedenen Sensoren und Kameras ausgestattet, die es ihm ermöglichen seine Umgebung in 3D zu rekonstruieren. Rollin‘ Justin kann ohne menschliche Unterstützung handeln, muss aber gleichzeitig in der Lage sein, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Er kann außerdem auch aus der Ferne gelenkt werden, was es Angehörigen möglich macht den Roboter zu steuern, wenn sie nicht physisch anwesend sein können.

Damit Justin Menschen nicht verletzt, stehen Sicherheitsaspekte an oberster Stelle seiner programmierten Aufgabenhierarchie. Diese sorgen dafür, dass der Roboter eine Aufgabe abbricht, wenn er dadurch einen Menschen beeinträchtigen oder gar verletzen könnte. Er gibt bei Berührungen von Menschen nach und weicht zurück.

Pflegefachkräfte sollen nicht ersetzt, sondern unterstützt werden

Deutschland ist neben Japan führend bei der Entwicklung technischer Pflege- und Assistenzsysteme. Das DLR hat zehn Jahre daran gearbeitet, feinfühlige Roboter zu entwickeln, die auf Berührungen reagieren und zurückweichen. Laut Alin Albu-Schäffer, der Direktor des DLR-Instituts für Robotik und Mechatronik, ist das wichtigste Ziel, die Erwartungen der Patienten und des Pflegepersonals zu verstehen und zu treffen. Natürlich kann kein Roboter die menschliche Zuwendung oder gar das Pflegefachpersonal ersetzen, allerdings können robotische Systeme die Pfleger immens unterstützen und können ebenfalls neue Berufe wie beispielsweise den Pflegetechniker etablieren.

Bei momentan bereits über 3 Millionen Pflegebedürftigen, fehlen zurzeit ca. 70.000 Pflegefachkräfte. Durch fehlende Pflegekräfte, kommt es zu größeren Belastungen für existierende Pflegekräfte und durch die stetig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, finden sich wenige Interessierte die diesem Beruf noch nachgehen wollen.

Pflegeroboter könnten die Fachkräfte extrem entlasten, indem sie helfen die Patienten zu mobilisieren, ohne dass die Pfleger ihre Kräfte erschöpfen müssen. Roboter können das Trink- und Essverhalten der Patienten beobachten und gegebenenfalls Getränke servieren bzw. eine Person alarmieren. Des Weiteren können sie auch als unangenehm empfundene Aufgaben übernehmen, wie beispielsweise das Windelwechseln oder Teile der Intimpflege.

Eine Studie, die vom Zentrum für Qualität in der Pflege beauftragt wurde, ergab, dass die Mehrheit der Bürger (64 Prozent) Technologien in der Pflege und der Medizin als Chance sehen. 74 Prozent der Befragten glauben, dass technische Systeme ein selbstbestimmteres Leben auf längere Zeit ermöglichen, während 65 Prozent den Einsatz von Robotern befürworten, wenn sie Menschen nach einem Sturz helfen. Auch beim Zubettgehen oder Aufstehen können die Roboter helfen, was laut 60 Prozent der Befragten befürwortet wird.

Vor- und Nachteile von Pflegerobotern müssen abgewogen werden

Es gibt natürlich auch Probleme beim Einsatz von Robotern in der Pflege und der Medizin – beispielsweise datenschutzrechtlich und technisch gesehen. Die Programmierung der Roboter, auf Berührung feinfühlig zu reagieren und Menschen nicht zu gefährden, ist zeit-, arbeits- und kostenintensiv. Die „günstige Variante“ von Rollin‘ Justin kostet zum Beispiel um die 60.000 Euro.

Zusätzlich muss bedacht werden, dass viele Menschen den Pflegeberuf wählen um mit Menschen in Kontakt zu treten, die sonst oft wenig menschlichen Kontakt haben. Die kommunikativen Tätigkeiten und die Aktivierung der Patienten ist sicherlich für die meisten Pflegekräfte der schönste Aspekt ihrer Arbeit. Pflegeroboter sollten insofern hauptsächlich als Hilfsmittel eingesetzt werden, beispielsweise beim Heben und Positionieren der Patienten. Der Pflegeberuf sollte schließlich attraktiver gemacht und nicht abgeschafft werden um Pflegefachkräfte mit Robotern zu ersetzen.

Wenn die Pflegeroboter allerdings tatsächlich zu großen Entlastungen der Pflegefachkräfte beitragen, den Pflegenotstand entschärfen und den Patienten einen Mehrwert bieten, lohnt sich die Investition immens. Denn in Zukunft wird es nur noch mehr Pflegebedürftige geben, die auch in ein hohes Alter hinaus, ein möglich selbstständiges und bequemes Leben führen wollen.

 

Bildnachweis: DLR; CC-BY 3.0